Hörbuch zum 75. Todestag von Kurt Tucholsky am 21.12.2010
Im Herbst vor zwei Jahren kursierte wochenlang ein Gedicht durch das Internet, überschrieben “Wenn die Börsenkurse fallen”. Als Autor wurde Kurt Tucholsky angegeben, als Erstdruck das Wochenmagazin WELTBÜHNE von 1930, mithin jene Zeit, als eine erste große Wirtschaftskrise die Welt ins Wanken brachte. Das Poem beeindruckte durch die Hellsichtigkeit wie durch die Schärfe seiner Kapitalismuskritik, vor allem aber durch seine Aktualität, die zugeschnitten schien auf das momentane Finanzdesaster. Zigtausendfach wurde das Gedicht an Freunde weitergemailt und fand schließlich seinen Niederschlag auch in etlichen Printmedien; selbst die sonst nicht gerade für Arglosigkeit bekannte Bundeskanzlerin trug es im vertrauten Kreise vor. Doch erwiesen sich die Verse als totale Fälschung, man war auf eine lyrische Ente hereingefallen.
Frappierend an dem Begebnis ist nicht nur die weit verbreitete Internetgläubigkeit, sondern vor allem das an dem Fake dokumentierte Bewusstsein der (getäuschten) Leser für die andauernde Aktualität der Texte des 1935 im schwedischen Exil aus dem Leben gegangenen Feuilletonisten. Sie spiegelt sich auch in dem von Peter Bramböck herausgegebenen und adäquat von Lutz Schäfer gesprochenen Hörbuch MIT TUCHOLSKY AUF REISEN wider (Verlag LangenMüller, 1 CD, € 12,95, ISBN 978-3-7844-4193-1) Impressionen von unterwegs aus Deutschland, England, Schweden und Paris. Es ist “Tuchos” Blick hinter menschliche Fassaden, der unvermindert fasziniert wie amüsiert, ausgeformt in “einem leichten, lebendigen und bis heute nicht im Geringsten angestaubten Deutsch, in bisweilen kokett-ungezwungener und betont flotter, ja schnoddriger Diktion” (Marcel Reich-Ranicki). Doch finden wir auch wehmütig-sentimentale Töne, wie wir sie aus SCHLOSS GRIPSHOLM kennen und lieben. Verfasst vom “genialen Conférencier der Epoche” (M. R.-R.), stehen diese Reisebilder in der Nachfolge Heinrich Heines und Theodor Fontanes und sind gefühlvolle Lästereien eines Europäers, der sibyllinisch bekannte: “Im Übrigen sieht man Deutschland am besten von draußen.”
Peter Bramböck