Heilsein – Rainer Sauer/Deushomo
“Der Heilung ihren Zeit Raum gewähren” beinhaltet vor allem, der Seelen-Wunde, dem Schmerz oder dem jeweiligen Gefühl als solches, seine Berechtigung zur Existenz und den erforderlichen Raum und die Zeit zum heilen, zum transformierenzuzugestehen. Und natürlich auch gegebenenfalls, dem ganzen Transformations-Vorgang, die jeweilig erforderliche und entsprechende Achtsamkeit einzuräumen. Liebevoll mit den Wunden umzugehen, geduldig mit ihnen zu sein und das wirklich solange es nun einmal zur Erlangung des Seelenheils braucht. Das bedeutet hier ganz speziell, ich richte mich hier uneingeschränkt nach dem Bedürfnis der Seelen Wunde und lausche auf das, was sie an Zeit, Raum und Aufmerksamkeit benötigt, versuche also zu verstehen, was sie mir zweifelsohne in Form ihrer eigenen Kommunikations Art und Weise übermittelt. Es versteht es sich von selbst, daß wir nicht (wie wir dies ja noch allzu häufig tun) das Gesundsein einfordern oder gar versuchen, die Gesundung künstlich zu beschleunigen. Oder daß wir anderenfalls versuchen, diese Gesundung zu erzwingen, weil wir vielleicht der Ansicht sind “Es ist jetzt genug, das hat lange genug gedauert, und außerdem will ich einfach, daß ich jetzt sofort wieder funktioniere”. Und auch daß ich erst recht nicht die noch destruktivere Version anwende, bei der ich z. B. bei einem gebrochenen Bein auto destruktive Wutanfälle bekomme, und ich dieses Bein in dem Moment hasse, weil es mir nicht so dient wie ich es gewohnt bin. Und mich dann noch selbst dafür verurteile und selbst bestrafe (abgesehen davon, daß ich mich vielleicht in diesem Moment nicht annehmen kann und in dieser bestehenden Situation der Hilfe-Bedürftigkeit auch noch an meine Verletzlichkeit und Unvollkommenheit erinnert werde.)
Es ist meines Erachtens nicht ungewöhnlich, daß wir mit unseren Schmerzen, Wunden und Gefühlen derart unangemessen umgehen, und eigentlich sollte es ein Leichtes für uns sein zu erkennen, daß wir so das Heilwerden und Heilsein im erheblichen Maße behindern, wenn nicht sogar in so manch einem Fall unmöglich machen. Dennoch ist es eine Tatsache, daß der adäquate Umgang mit dem, was unsere bewußte Hilfe und Unterstützung oder um Klartext zu sprechen unsere Liebe benötigt, lange noch nicht selbstverständlich für uns geworden ist. Meistens gehen wir da wohl nicht besonders nett mit uns um, und wenn wir das mal tun, dann haben wir uns dazu diszipliniert oder uns erinnert, daß dies wohl angebracht wäre. Ich meine, dernatürliche, selbstverständliche Umgang damit, das gewohnte Sein mit dieser ja offensichtlichen Notwendigkeit gehört nicht zu unseren alltäglichen Umgangsformen. Das hat selbstverständlich auch seine Hintergründe. Da ist zum einen der moralische, wirtschaftliche Druck der Gesellschaft, daß wir uns in mancherlei Hinsicht ausschließlich durch Leistung definieren, oder auch, daß wir dem Trugschluß, keine Zeit zu haben, erliegen, daß uns also scheinbar für unseren Prozeß der Genesung kein Zeit Raum zur Verfügung steht, weil wir ansonsten der an uns adressierten Leistungsforderung nicht gerecht werden, und sowohl in beruflicher als auch familiärer Hinsicht die Rolle, welche unsere gesellschaftliche Stellung definiert, nicht wie “allgemein” erwünscht uneingeschränkt ausfüllen. Zum anderen ist ja auch unsere Fähigkeit, liebevollen Umgang zu pflegen oder auch überhaupt die Bereitschaft, Liebe als solches zu erfahren, noch lange nicht an ihrem höchst möglichen Entwicklungspunkt angelangt, die Tatsache also, daß wir im Umgang mit unseren Schmerzen, Wunden und Gefühlen manchmal gar so lieblos verfahren, ist ja eigentlich gar nicht allzu verwunderlich.
Nun stellt sich einfach die Frage, wenn wir den Ist Zustand akzeptieren, wie können wir für unser Wohlbefinden Sorge tragen und erfolgreich Einfluß nehmen? Das Akzeptieren des Ist Zustands, also das Zugeben des nicht gerade liebevollen Umgangs mit uns selbst, ist wie erwähnt erst mal das Wichtigste. Daraus ergibt sich dann, daß wir der Einsicht Platz einräumen, daß hier aber gerade der liebevolle Umgang das hier unentbehrliche, das lebensschenkende, heilende Prinzip ist. Eine Wunde hat ihre Berechtigung, ein Schmerz hat seine Berechtigung und auch ein Gefühl hat seine Berechtigung, und alle brauchen ihren Raum, benötigen ihre Zeit der Aufmerksamkeit, brauchen ihre ureigene Fürsorge zu “ihren Bedingungen”. Wenn wir unsere Vorstellung davon, wie die Dinge zu sein haben, versuchen genau dort überzustülpen, wo uns gerade von seiten der Wunde, des Gefühls oder des Schmerzes etwas vielleicht Neues aufgezeigt werden möchte, werden wir womöglich das Potential des größtmöglichen Wachstums für diesen Moment verneinen und somit verpassen. Denn jedes Gefühl sowie auch der Schmerz und die Wunde, welche wir in uns und mit uns tragen, ist eine besondere Art der Kommunikation und eine spezielle Form der Informationsübermittlung. Es ist also Informations Verarbeitung, deren Verdauung und ist nicht zuletzt unser Herz, welches uns eine spirituelle Geschichte erzählt. Oder anders ausgedrückt, es ist die Stimme von unserem Göttlichen Wesen, welche uns zur Selbsterkenntnis führt und uns dabei die entsprechende Richtung weist. Ihr versteht also, wie wichtig es ist, die ganze Geschichte zu hören, in ihrer vollen Länge, auch wenn es mal etwas länger geht. Und wie wichtig es ist, ihr allen Raum zu gewähren, den sie für ihre Entfaltung braucht, um zu gewährleisten, daß uns nichts von dem wertvollen und kostbaren Gut der Geschichte verborgen bleibt. Um noch einmal das Allerwichtigste erwähnt zu haben: “Ist nicht die liebevolle Umsorgung, die Aufmerksamkeit und Liebe, die wir da unseren Wunden, Schmerzen und Gefühlen schenken, auch die Liebe, Fürsorge und Achtsamkeit, welche wir uns selbst schenken?”