Der Silbertrick aus Regensburg
Regensburg (obx) – Drei junge Chemiker hatten sich 1995 mit ihrem Unternehmen Rent a Scientist (miete einen Wissenschaftler) selbstständig gemacht. Zusammen mit dem fürs Kaufmännische zuständigen Mit-Gesellschafter Adi Parzl boten sie sich einer Vielzahl von Firmen als selbstständige Forscher und Entwickler an – mit schnell zunehmendem Erfolg. 2002 beschäftigten sie sich erstmals eingehend mit der Wirkung von Silber: Im Auftrag eines Windelherstellers sollten sie etwas finden, das das Wundwerden verhindert. So kamen die Miet-Wissenschaftler auf den Einsatz von Silber als vorbeugende Desinfektion. Eine mit dem Edelmetall ausgerüstete Windel kam damals dennoch nicht auf den Markt – zu teuer, fanden die Auftraggeber, obwohl sich der Preis nur geringfügig erhöht hätte.
“Damals war dieses Einsatzgebiet von Silber noch neu”, erklärt der Chemiker Georg Maier, der heute gemeinsam mit seinem Chemiker-Kollegen Robert Nusko und dem fürs Kaufmännische zuständigen Adi Parzl das Unternehmen Rent a Scientist und die kürzlich gegründete Schwesterfirma ras materials leitet, die für die internationale Vermarktung zuständig ist. “Es gab noch keine zertifizierten Testmethoden, die eindeutig die Wirkung von Silber zeigen konnten”, blickt Maier zurück. Inzwischen ist dieses Problem gelöst. Mithilfe von Rent a Scientist wurde ein spezielles Testverfahren entwickelt. Und auch die Verarbeitung des Silbers wurde verfeinert – im wahrsten Sinne des Wortes: Die Regensburger Wissenschaftler stellen nun selbst Nanosilber her, für das sie den Handelsnamen AgPURE eintragen ließen. Im Labor präsentiert es sich nicht etwa silberfarben, sondern als dunkelbraune, zähflüssige Masse voll mit winzigsten Partikeln des Edelmetalls, die kleiner als 15 Nanometer sind (1 Nanometer ist ein millionstel Millimeter). Das in Regensburg hergestellte Nanosilber wird übrigens international an Forschungslabore geliefert und “als offizielles Testmaterial der OECD eingesetzt”, betont Maier. “Es ist schon toll, dass alle Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet weltweit mit unserem Nanosilber erzielt werden – das ist ja auch ein Wahnsinnsprodukt.”
Das jüngste Beispiel dafür, welche Innovationen durch Nanosilber entstehen können, stammt aus der Zusammenarbeit der Uvex Arbeitsschutz GmbH in Fürth mit ras materials in Regensburg: Ein neuartiger Schutzanzug, in dessen Oberflächenmaterial Silber-Nanopartikel eingearbeitet sind. Seit kurzem ist die Berufsfeuerwehr im schwäbischen Ulm mit diesen Schutzanzügen ausgestattet – der Auslöser war eine Serie mysteriöser Legionellen-Erkrankungen, die zu Beginn des Jahres 2010 die Bewohner und Behörden der Nachbarstädte Ulm und Neu-Ulm in Atem gehalten hatten. Fünf Menschen waren an der Infektion mit Legionellen gestorben, 64 weitere waren an dem Erreger zum Teil schwer erkrankt. Erst nach langer Suche wurde die Ursache ausfindig gemacht: Aus einer Nasskühlanlage hatten sich die Legionellen in einer Aerosolwolke über das Stadtgebiet verbreitet. Gegen solche Bedrohungen ist die Ulmer Feuerwehr nun zusätzlich gerüstet: Der Ulmer Branddirektor Hansjörg Prinzing verweist darauf, dass die mit Nanosilber ausgestatteten Schutzanzüge hilfreich während aller Einsätze seien, bei denen die Mannschaften gefährlichen Erregern ausgesetzt sein können – etwa im Zusammenhang mit Tierseuchen, aber auch in biologischen Laboren, Forschungseinrichtungen und Infektionsabteilungen von Krankenhäusern. Je weniger Keime sich auf der Oberfläche der Schutzkleidung befinden, umso geringer wird für die Hilfs- und Einsatzkräfte die Gefahr, die Umgebung oder sich selbst zu kontaminieren.
Die renommierten Hohensteiner Institute haben durch Tests bestätigt, dass die Nanosilber-Schutzanzüge mit einer nahezu 100-prozentigen Zuverlässigkeit etwa gegen die drei weit verbreiteten, gefährlichen Krankheitserreger Legionella pneumophila, Staphylococcus aureus und Klebsiella pneumoniae wirken und zudem auf weitere Keime, die einen Grossteil aller Bakterien umfassen. Und das alles bei sparsamstem Umgang mit dem Rohstoff Silber: Textilien mit AgPURE enthalten nur 0,01 Gewichtsprozent des Edelmetalls.
Die Wissenschaftler von Rent a Scientist verweisen darauf, dass die natürliche Wirkung von Silber gegen Bakterien, Viren und Pilze beispielsweise Unmengen an chemischen Desinfektionsmitteln einsparen und damit die Umwelt schonen könne. Da Nanosilber die Gesundheitsgefahren durch Erreger erheblich senke, könne indirekt der Einsatz von Antibiotika und damit eine drohende Resistenz von Krankheitserregern reduziert werden.
Mithilfe der Regensburger Nanosilber-Spezialisten sind neben dem Schutzanzug unter anderem Lacke und Öle für Anstriche, Abtropfmatten für die Gastronomie und eine Vielzahl von Textilien auf den Markt gekommen. Und auch für die medizintechnische Industrie haben die Regensburger Wissenschaftler eine Menge an Produktideen mit Nanosilber parat: Operationsbekleidung, Knochenschrauben und Knochenzement, Wundauflagen, Implantate und Schläuche. Gerade in der Medizintechnik seien “die Anwendungsgebiete groß”, sagt Rent-a-Scientist-Gesellschafter Adi Parzl, der auf einen wichtigen Nebeneffekt verweist: Den Regensburger Entwicklern ist es gelungen, die Silber-Nanopartikel tief in die jeweiligen Materialien einzubetten, was eine Freisetzung verhindert und eine lange andauernde Wirksamkeit sicherstellt.
Schon haben die Erfinder weitere Projekte auf dem Gebiet der Nanotechnologie in Vorbereitung – feinste, nur unter starken Mikroskopen sichtbare Silberfäden, die elektrischen Strom hervorragend leiten und schon bald die Entwicklung deutlich kleinerer, leichterer Elektrogeräte ermöglichen sollen. “Für uns ist klar”, sagt Parzl, “dass Nanomaterialien die Umwelttechnologie des 21. Jahrhunderts sind. Sie sind langlebiger, leichter, stabiler, höher qualitativ und es wird weniger Transporte und weniger Abfälle geben – und das alles bei geringerem Ressourcenverbrauch.”
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