Buch-Neuerscheinung: Jana Merz

Cover: Jana Merz “Zwischen Gestern und Morgen – Leben in Neufünfland”

Gut 20 Jahre nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten schließt die Autorin mit der Hauptfigur Barbara Redmann eine Brücke zwischen dem Gestern DDR und dem Morgen im neuen Deutschland. Es ist dabei kein neuer Einheitsturm oder Vergessenheitsroman, sondern eine kurzweilige Erzählung über die Erlebnisse der Hörfunkjournalisten in den bewegten Wendejahren.

Die Sicht auf die kollektive Schere im Kopf der Gestrigen und den Gewöhnungserlebnissen mit den Neuen bleiben nicht ohne Konflikte, und so reichen die Erkenntnisse der Redmann von positiven Überraschungen wie in der Begegnung mit dem Hannoveraner Journalisten Mahler bis zur Konfrontation mit Denkweisen nach Gutsherrenart von “Leistungsträgern” aus den alten Bundesländern.

Die allmähliche Verdrängung aus dem gewohnten Alltag im Hörfunk, die besonders der alteingesessenen Journalistin Schwierigkeiten bei der Neuorientierung mit sich bringt, endet schließlich doch mehr in einem offenen Schluss. Wir werden nicht mit einem Happyend oder den üblichen negativen Aussichten verabschiedet, sondern können uns fragen, wie auch wir uns weiterentwickeln wollen …

Jana Merz schließt ihr Leben nicht mit diesem Erstlingswerk ab, sondern bleibt offen für ein weiteres Engagement für ihre Ideale mit dieser Erzählung. Die ehemalige Journalistin lässt autobiografische Züge einfließen und siedelt die Geschichte im Mecklenburgischen an. Doch hätte Frau Redmann auch in Mitteldeutschland oder Brandenburg leben, lieben und arbeiten können. Die Betrachtung ist nur zeit-, aber nicht ortsgebunden. Jana Merz bemüht sich um Verständnis der Umbruchzeit, und spricht zugleich offen die Widersprüche an, die aus den Verfehlungen von Gestern und umstrittenen Entscheidungen für Morgen resultieren. Nicht daneben zu stehen, sondern sich einzumischen ist ihr Credo.

Jana Merz: “Zwischen Gestern und Morgen Leben in Neufünfland”

111 Seiten
Paperback
Preis: 11,90 Euro
Erschienen bei:
Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN 978-3-8391-4041-7

Leseprobe:
Als Barbara mit der Sendemappe in den Sitzungsraum trat, war die Redaktion schon vollzählig versammelt. Die Sendekritik fiel relativ gut aus, nur zwei Reportagen wurden als zu gehaltlos befunden. Als keine weiteren Wortmeldungen kamen, schaute Barbara fragend in die Runde. »Entweder ihr habt heute nicht zugehört oder ihr habt rechtzeitig den Sender abgeschaltet,« sagte sie und sie spürte, wie die Aggression in ihr aufstieg. »Wie fandet ihr denn die Musik?« Einige lachten ironisch auf, andere zuckten resigniert mit den Schultern. »Drei Stunden lendenlahme Musik, wer soll das aushalten,« sagte sie mit Schärfe in der Stimme, »unsere Hörer jedenfalls nicht.«

Die müde Runde wurde lebendig. Ein Stimmengewirr erhob sich, das Heinz Albrecht auf seinem Chefsessel nur mit einem lautstarken Gebot um Ruhe beenden konnte. Der Leiter der Musikredaktion lehnte sich mit zusammengekniffenem Mund zurück. »Bekommst du Tantiemen dafür, dass du die älteren Damen des Chansons so bevorzugst,« provozierte ihn der Sportredakteur.

»Es ist für uns nicht leicht,« begann Barbara, von dieser direkten Anfrage überrascht. »Wir haben immer geglaubt, nach bestem Gewissen für die Leute zu berichten, darüber, wie sie leben und wie sie arbeiten. Und dann gab es noch diesen Merksatz, den jeder Journalist kannte, man solle am positiven Beispiel andere motivieren. Als aber der Ärger in den Betrieben und im Land immer offenkundiger wurde, weil es an allen Ecken und Enden mangelte, da war unsere Berichterstattung stark eingeschränkt, um das freundlich auszudrücken, also übertrug sich der Ärger auch auf uns.«

»Sie trauern also dem bisherigen Regime nach?« fragte der Vorsitzende mit Schärfe in der Stimme. »Uns hat der Stillstand im Land sicher ebenso bedrückt wie sie, aber jetzt festzustellen, dass viele von denen, die vorher jubelnd an den Maitribünen vorbeigezogen sind, heute ganz andere Fahnen schwenken, das ist uns neu und befremdet.«

»Das ist noch keine Antwort auf meine Frage nach Loyalität,« brauste der Vorsitzende auf.

Als Dettendorf an ihre Tür klopfte, war sie freudig überrascht, denn er war ihr, aus welchem Grunde auch immer, in der letzten Zeit aus dem Weg gegangen. »Von dir will ich mich als Einziger verabschieden,« sagte er bedrückt. »Ich gehe lieber selbst, ehe man mich hinausschmeißt.«

»Weshalb denn das?« fragte Barbara erstaunt.

»Als du mir erzählt hast, dass Herkner hier wieder aufgetaucht ist, war mir klar, dass ich nicht länger beim Sender würde bleiben können. Ich habe damals die staatlichen Organe informiert, dass er abhauen will.« Barbara sah ihn entgeistert an: »Hast du ihn etwa schon im Vorfeld verdächtigt, dass er nach dem Westen gehen will und deshalb angezeigt?« Dettendorf nickte nur und wich ihren Augen aus. Die ganze Enttäuschung brach aber jetzt aus Barbara heraus: »Gerade du, der sich doch so für den Neuanfang nach der Wende eingesetzt hast und dafür, dass das, was gut war, erhalten bleibt?«

»Das war auch mein ehrlicher Wille,« beteuerte Dettendorf mit Nachdruck. »Genauso, wie ich damals ehrlichen Herzens verhindern wollte, dass Leute unseren Staat verraten, und Herkner war so ein Wackelkandidat.«

Michael Lindner


 




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